Donnerstag, 5. Juli 2012

Ein paar offene Worte.


Gestern ist etwas sehr Seltsames passiert. Ich bin es gewohnt, bei Twitter auch mal beschimpft zu werden, als Schlampe oder auch das F-Wort, Kapitalistenkuh war auch mal dabei - das macht mir relativ wenig aus. Ich finde zwar, dass dies nicht Bestandteil einer guten und respektvollen Kommunikation sein sollte, aber es soll ja auch Menschen geben, die Cola in ihr Bier kippen. Leben, leben lassen.

Gestern hat ein Mensch andere nicht Leben lassen. Fünf Tote. In Karlsruhe. Meine Tochter im Sperrgebiet, im Klassenzimmer verschanzt, keiner wusste, was los ist. Ich hatte keine Angst um sie, aber ich hatte Sorge. Die ganze Stadt hielt den Atem an. Dann ging der Zähler nach oben. Ein Toter, ein zweiter, ein dritter, ein vierter. Und plötzlich noch eine tote Frau. Der vermutliche Täter hat sich offenbar selbst getötet und zuvor unschuldige Menschen, die ihren - sicherlich nicht leichten - Job machen wollten, getötet. Der Schlosser, der am selben Tag noch Vater werden sollte, wie mir ein Bekannter gestern Abend noch erzählte. Seine Frau liegt auf der Entbindungsstation. Wurde dieses Kind am Tag geboren, an dem sein Vater kaltblütig ermordet wurde? In mir stiegen Wut und Übelkeit hoch.

In Wiesloch, nicht weit von Karlsruhe entfernt, wurde zur gleichen Zeit ein Mann von einem Polizisten erschossen, nachdem er Frauen angegriffen hatte und bewaffnet auf die Polizei losging.

Der kleine Sebastian auf Amrum gefunden. Tot. Beim Spielen.

Ich war erschüttert. Traurig. Nachdenklich. Ja, täglich sterben mehr Menschen durch Krankheit, durch Hunger, durch Krieg. Ich weiß es. Meine Aufmerksamkeit für die Tragik des Tages war sicherlich auch mediengesteuert, wenn man meine Tochter mal außen vorlässt. Die Dramaturgie der einzelnen Geschichten, der kleinen Lebens- oder leider treffender Todesepisoden, die gestern an vielen verschiedenen Orten in Deutschland stattfanden, hat mich aus der Bahn geworfen. Eigentlich sollte es ein schöner Tag werden, ich hatte eine Verabredung, auf die ich mich schon lange gefreut hatte, es war ein toller, warmer Tag, ich habe bald Urlaub, alles läuft gut. Dass mir abends nicht mehr nach Freude und "Juchee" zu Mute war, kann sicher der ein oder andere nachvollziehen.

Was ist dann passiert? 

Auf einen meiner Kommentare zur gestrigen Geiselnahme schrieb @MicPliester:
"@ellyteration Menschen zu morden hat viele Gesichter: die Justiz kennt sie alle. Ich zolle dem Mann Respekt.

Man muss sich diesen Satz mal genauer anschauen. "Ich zolle dem Mann Respekt." Nein, man muss sich den Satz nicht näher anschauen. Er steht für sich. Und auch jetzt wieder, wenn ich ihn schreibe, kommt mir das kalte Würgen. Obwohl ich ja eher nicht zu solchen Reaktionen neige. Was habe ich getan? Ich habe meine Follower darauf aufmerksam gemacht und sie gebeten, nein "aufgerufen", ihn zu blocken, damit er seinen menschenverachtenden Unfug nicht noch weiter verbreiten kann. Ja, das habe ich getan. Mir wurde daraufhin aus der Twitterergruppe (ich vermeide mal das Wort Gemeinschaft, aber nur für den Moment) vorgeworfen, ich würde meine "Machtposition" (?, was ist das?) auf Twitter ausnutzen, um gegen einzelne Menschen zu HETZEN. Meine Gefühle sind dann dezent übergeschäumt, ich habe geschwankt zwischen Wut und Weinen, zwischen Erstarren und Entsetzen.

Dazu kam - wichtiger kleiner Nebenstrang - dass ich eine zweigeteilte Antwort, deren erster Teil eine Mention mit @ellyteration und der zweite Teil eine Mention ohne @ellyteration falsch verstand. Der erste Tweet endete mit "Die". Ich verstand es - im Überschwang des Momentes als an mich gerichteten Imperativ. Ich habe erst mal nur auf mein Display gestarrt und war völlig baff. Und warf dem Schreibenden vor, dass er mir den Tod wünscht. Ich möchte mich dafür in aller Form entschuldigen, ich habe den zweiten Tweet nicht gesehen, deshalb nicht erkannt, dass "Die" der einleitende Artikel für einen neuen Satz war. Es tut mir leid, @Hoerns. Wirklich! Danke an @EinerVonAllen für den Hinweis!

Was mir nicht leid tut, ist, dass ich dazu "aufgerufen" habe, den menschenverachtenden Unfug, der vorher geschrieben wurde, zu unterbinden. Es mag für manche sein, ich habe überreagiert. Aber das mache ich lieber einmal zu oft, als im entscheidenden Moment einmal zu wenig. Wer einem Täter Respekt zollt, der andere Menschen hingerichtet hat, wer schreibt, dass er Kinderpornographie gut findet, wer applaudiert, wenn ein Asylantenheim brennt, wer dazu aufruft, Menschen zu verachten, weil Sie anders sind, wer Menschen wehtut, Grenzen überschreitet, wer verletzt, weil er ignorant und egoistisch unmenschlich ist, der darf seine Meinung nicht verbreiten. Meinungsfreiheit hat dort seine Grenzen, wo sie gegen die Menschlichkeit verstößt. Vielleicht täten wir gut daran, öfter mal solche Aussagen im Keim zu ersticken. Wir wissen, wohin unkommentierte, geduldete Propaganda führen kann. Und das meine ich nicht mal im großen, geschichtlichen Kontext. Nehmt die alltägliche Schikane an Menschen, nehmt Pöbeleien, nehmt Mobbing. Es war für mich keine Hetze, die ich betrieben habe. Es war ein Aufruf dazu, gemeinschaftlich Unmenschlichkeit im Keim zu ersticken. 

So einfach ist das für mich ...



 

Mittwoch, 6. Juni 2012

Wellenworte.


Das Meer ist heute voller Segelboote. Mit ihren spitzweißen Flügeln zerstechen Sie den tiefhängenden Horizont. Wenn ich die Augen zusammenkneife, sehen sie aus wie eine Flotte Haie, deren Rückenflossen weit aus dem Wasser stehen. Ich trete einen Schritt ins Meer, lächle und schwimme als Robbe verkleidet auf sie zu.

Giacomo ist ein typischer Italiener. Ein Bilderbuch-Giacomo. Klein, ein wenig stämmig, braungebrannt und mit blauer Badehose (mit Bein) und goldener Halskette (globgliedrig), schlendert er den ganzen Nachmittag schon am Strand auf und ab, in typischer Bewegung, leicht schleichend, aber immer mit ein wenig eingezogenem Bauch und herausgestellter Brust. Der Seewind zerrt an seinen schwarzen Locken, seine ebenso schwarzen Augen sind ständig auf der Suche nach bekannten Gesichtern, nach neuen Gesichtern. Als am frühen Abend die Sonne den Weg Richtung Felsen sucht, strahlt plötzlich sein sonst nur freundliches Gesicht. Drei entzückende kleine Kinder, mit ebenso schwarzen Locken und ebenso schwarzen Augen laufen mit lauten ,Bappa, Bappa, Bappa"-Rufen auf ihn zu. Dahinter kommt eine dieser unglaublich schönen Frauen gelaufen. Eine dieser Ornella Mutis dieser Welt, die man nur neidlos anschauen und bewundern kann für all das, was sie an Frau verkörpert. Ornella tritt auf Giacomo, der seine drei Orgelpfeifen lachend umarmt und kreisend über den Strand dreht zu, sie küssen sich lange, liebevoll, zärtlich. Ich schaue weg, hinaus aufs Meer und muss lächeln.

Die Deutschen sind da. Die ersten Tage war es still hier, lediglich italienische Kennzeichen, hier und da mal ein Schweizer, wenig Deutsche. An der Straßenpromenade hält ein Bus. Reutlingen. Eine Gruppe bunter, mit Trekkingsandalen und quadratisch praktischen Trekkinghosen uniformierter Touristen steigt aus. Die Männer still, die Arme auf dem Rücken verschränkt, ab und an eine Kamera. Die Frauen mit ebenso quadratisch praktischen Kurzhaarfrisuren erobern schnatternd den Strand. Laute Rufe mit den immer gleichen Worten, mit dem immer gleichen ,Schau mal, das ist ja wie in ... Mensch sag mal, Karl, wo war das noch, wo wir da waren, der Markus war doch noch ganz klein und wir hatten diese Autopanne.'-Geschichten. Eine der Frauen scheint die Anführerin zu sein. Sie schnattert am lautesten von allen, hat eine Art Tropenhut auf und erzählt, was man an so einem Ort am besten isst. ,Fisch. Und Pasta.' Ach. Auf diese Idee in einem Italienischen Fischerort zu kommen ist gerade zu genial. danke, Frau Deutsche. Die Damen bücken sich fleissig nach Kieselsteinen, die mit einem lauten ,Aaahhhh' und ,Oooh' in die Hände genommen und betrachtet werden, gegenseitig zeigen sie sich ihre Funde, als seien es verborgene Piratenschätze, die sie gerade gehoben haben. Wie gut, dass es in Reutlingen keine Steine gibt. Die Laute trommelt zum Aufbruch. Sie trommelt. Die Lautstärke hat ihren Höhepunkt erreicht. Schnaufend kriecht die Gruppe den Anhang hinauf. Es wird leiser. Der Bus fährt weiter. Wir atmen durch.

Er sagt, er heißt Luigi. Luigi ist einer, der mich an die italienischen Badeorte der Sechziger Jahre erinnert. Mein Vater hat mir früher die Fotos gezeigt. Er ist etwa 50 Jahre alt, durchtrainiert, sein sonnengebleichtes Haar wird ein wenig licht. Wie Giacomo gehört Luigi zu diesem Dorf, er wohnt nur 20 Meter vom Strand weg, sagt er. Er spricht mit jedem, lacht mit jedem, wo wir herkommen will er wissen und freut sich, dass wir Deutsche sind, so wie sich alle hier freuen, und so, wie wir Deutschen stets vom Wunsch beseelt sind, englisch zu sprechen, wenn sich uns nur die Gelegenheit bietet, so erhellt sich jedes Gesicht hier, wenn wir uns mit unserem gebrochenen italienisch uns als Deutsche zu erkennen geben und auch Luigi will, wie alle anderen, ein wenig deutsch sprechen, die Orte aufzählen, die er kennt.
 Eine ältere Gemüsehändlerin fragt mich nach dem ich bei ihr eingekauft habe: „Sei tedesca?“, was ich bejahe. Sie strahlt und sagt mir, dass wir Deutschen alle nach Italien in den Urlaub kommen, aber sie nach Deutschland fahre, jedes Jahr, wenn das Geld reicht, weil dieses Land so multo schön sei. Heidelberg und München und Köln zählt sie auf, Hamburg und Dresden und Essen. ,Essen?' frage ich nach. ,Si, Essen.' bestätigt sie. Ihr Vater habe dort mal gearbeitet. In einer Fabrik. Das sei aber lange her. Sie lächelt. Als ich ihr sage, dass wir aus Karlsruhe kommen, sagt sie, das kenne sie, da stehe eine Pyramide mitten in der Stadt, sie habe das sehr lustig gefunden. Und lacht ihr rauhes italienisches, warmes, weiches Lachen. Ich lache mit, ja, die Pyramide finde ich auch sehr lustig. Wie das auf einen Touristen aus einem fremden Land wirken muss, darüber habe ich mir nie Gedanken gemacht.

Luigi fährt auch bald nach Deutschland. Nach Berlin. Zu einer Konferenz. Welche Konferenz, fragen wir typisch deutsch. Er schwimme jeden Tag gibt er als Antwort, mehrere Kilometer, kurze Strecken, lange Strecken, von Korsika nach Elba, von Elba aufs Festland, von Elba auf andere der Archipelinseln, um Elba herum, manchmal alleine, manchmal mit einem Freund, manchmal fahre ein Schiff von Greenpeace mit oder Reporter oder auch mal ein Filmteam, selbst im Winter, selbst in der größten Kälte, selbst, wenn längst alle fort sind. Er sei ein Botschafter des Meeres. „Wie lang war denn die größte Distanz?“ frage ich. „Distanz?“ Er schaut mich erstaunt an. „Non no, Du verstehst nikt. No record. No competition. It is all about se sea and all about se energy. I can feel se energy and se power of se sea. And so I can tell all se people about se nature.Ich schweige verlegen. Hatte ich ihn für einen alternden Gigolo gehalten, dabei ist er einer, der Gutes tun will, der tut, nicht redet. Luigi blüht auf und redet und erzählt. Er berichtet mit strahlenden Augen, dass er letzten Winter sogar im Schnee geschwommen sei, plötzlich seien all die Flocken um ihn herum gewesen und es sei noch viel stiller gewesen als sonst. Oder einmal, da seien sie in einen Schwarm Quallen geraten und völlig verstochen worden. Aber das habe ihm nichts gemacht, so lange man im Wasser bleibt, merke man das ohnehin nicht. Dann springt er plötzlich mitten im Satz auf, geschmeidig wie ein junger Geräteturner und verschwindet nach Hause. So schnell wie er verschwand ist er wieder da. Und drückt uns die Webadresse seiner Seite in die Hand. Zusammen mit einer Kopie der Veranstaltung in Berlin. Er lädt uns ein, ihn doch in Berlin auf einen Kaffee zu treffen. Als wir ihm sagen, dass es fast 700 Kilometer von Karlsruhe nach Berlin seien, schaut er uns einen Moment lang beinahe mitleidig an, legt den Kopf zu Seite und sagt, dass man schnell vergesse, wie groß Deutschland ja sei, weil wir ja kein Meer hätten. Ich schaue ihn an, blicke aufs Wasser und sage: „Ja, manchmal fehlt die Unendlichkeit.“

Wie große Stahlfische stehen die Fähren am Pier. Sie warten geduldig und rostig heiser auf die langen Schlangen der Urlauber, die bleich und ein wenig müde auf die Überfahrt warten. Elba, Korsika, Sardinien. Der große, blaue Wal, das Erkennungszeichen der Moby Schifffahrtslinie und die bunten Mordillozeichnungen wollen den kurzen Weg über das Meer fröhlich einstimmen. Wir sind zwei Stunden zu früh am Pier, stellen uns geduldig in die Schlange der Wartenden ein. Hier ist alles preußisch durchorganisiert, keiner der Deutschen - und es sind vornehmlich deutsche Urlauber zu dieser frühen Zeit - verlässt sein Auto, aus Angst, den Startschuss zu verpassen. Wir schließen ab, verlassen das Pier und gehen erst mal ganz südeuropäisch gelassen einen Kaffee trinken. Als wir zurückkommen, beginnen die orangeleuchtenden Uniformierten, die ersten Reihen in den Weißen Wal zu winken. Wir haben Glück und dürfen diese frühere Fähre nehmen, noch hat die Saison nicht begonnen und das Schiff namens ,Love' öffnet uns geduldig seine Rampe. Wir verschwinden im Inneren, wo bereits der nächste Caffé auf uns wartet. Elba ist da.

Man setzt die Schere am Darmausgang an und schneidet den Fisch vorsichtig am Bauch entlang in Richtung Kopf auf. Dann öffnet man ihn, indem man die Bauchlappen auseinanderzieht, oben und unten die Innereien mit einem Messer vom Körper trennt und herausnimmt. Verletzt man dabei die Galle, sofort mit reichlich Wasser nachspülen, sonst wird’s bitter. Die Auswahl an Fischen ist groß. Wir kaufen Dorade. Leider haben wir die Öffnungszeiten der Geschäfte falsch eingeschätzt und so macht nach unserem Strandbesuch der Supermarkt im 15 Kilometer entfernten Marina die Campo um halb zwei für 3 Stunden zu. Wir sind fünf nach halb da. Ich frage einen Verkäufer, ob wir noch schnell etwas kaufen dürfen. Er sagt, wir sollen uns Zeit lassen. Und kaufen Dorade. Leider möchte uns die Fischverkäuferin den Fisch nicht mehr küchenfertig zubereiten. So stehe ich also fünf stehen später und mit einem metallenen Topfkratzer, einer stumpfen Schere und einem stumpfen Messer bewaffnet an der Spüle. Wässer einlassen, Fische ins Wasser legen, am Schwanz packen und vom Schwanz zum Kopf abreiben und entschuppen. Das war einfach. Fische raus, Wasser raus, Wasser an. Jetzt das Tier öffnen. Die Innereien wölben sich mir wurstig entgegen. Das ging ja leichter als gelacht. Und weniger eklig als gedacht. Ich greife beherzt in die Bauchhöhle - und das Unvermeidliche passiert: die Galle platzt. Also spülen, spülen, spülen. Angesichts des knappen Wassers auf Elba schießt mir kurz die Röte ins Gesicht und ich murmle ein „Verzeihung“ für die Verschwendung. Fisch Nummer zwei. Schere rein, Innereien raus, Galle platzt. Wieder Röte in meinem Gesicht. Diesmal wegen meiner Trotteligkeit. Noch mehr Wasser. Die Fische sind fertig. Lilith füllt sie. Mit Rosmarin. Zitronen. Knoblauch. Olivenöl. Salz. Pfeffer. Das Feuer brennt. Der Fisch grillt vor sich hin. Ein Genuss. Der Duft der Insel, das Land und seine Farben, all das liegt eine halbe Stunde später auf unseren Tellern. Ich fülle mir noch schnell etwas davon in einen Flakon. Wer weiß, vielleicht werde ich es mir eines dunklen abends in Deutschland hinter meine Ohren tupfen.

„Maria ihm schmeckt’s“ nicht las ich mit stillem Vergnügen. Da ich den Film noch nicht kannte, setzten wir uns am ersten, müden Abend auf unsere Terrasse, schürzten das iPad und sahen diese süßmelancholische Komödie über den holprigen Hochzeits-Weg eines Deutschen und einer Halbitalienerin in einem Dörfchen in Süditalien, deren Aufgebot durch eine Aneinanderreihung von „Domani!“ (also „Morgen“), „Domani Domani!“ „Vier „Domani“ später!“ dezent verzögert wird. Ich habe Tränen gelacht über diese leicht überzogene, immer aber irgendwie echt und wirklich wirkende Darstellung. Am nächsten Morgen wartete ich auf den Fischhändler, der um zehn Uhr sein Lager auf dem Kirchplatz aufschlagen soll. Um viertel nach zehn fragte ich eine Einheimische, ob denn der Fischhändler heute noch komme. Sie lacht mich an: „Domani!“ und zuckt die Schultern. Ich verschlucke mich fast an meinem Lachen. Sie wirft mir noch ein mittlachendes „Glück, Glück“ entgegen. Ich schaue ihr in die Augen und nicke. Ja, es ist ein Glück, hier zu sein. Und ich freue mich auf das nächste Mal.

A domani, Italia.

Donnerstag, 5. April 2012

Flackern.

Die Nacht bricht herein. Wie so oft sitzt sie da, alleine, ein Glas Wein, die leisen Klänge von Eric Clapton und die Lichter die Stadt, die nicht einmal bis in ihre Wohnung hervordringen. Ruhig ist es geworden in ihrem Leben. Wer kann sie schon aushalten, sie, die sie so weit außen vor ist, dass sogar sie selbst nicht mal mehr mit ihrem Spiegelbild spricht. Verstummt ist sie. Starr vor Angst raus zu gehen und das Lachen der anderen zu spüren. Sie schaut hinaus. Leise Geräusche dringen zu Ihrem Fenster hoch. Das Vorbeirauschen eines Busses, ein entferntes Gespräch. Irgendwo scheppert etwas  klirrend in einen Mülleimer. Sie leert ihr Glas. Sie füllt es erneut auf, setzt an, trinkt. Schon lange schmeckt ihr nichts mehr. Gegessen hat sie seit Tagen nichts, Alles, was sie zu sich nimmt, brennt tief in ihr. Sie steht auf. Das Glas immer noch in ihrer Hand. Die Lippen rot von den billigen Trauben aus der Schraubverschlussflasche. Sie wollte weit kommen. Weit hinaus in die Welt. Einen Beruf. Ein Kind. Oder zwei. Einen Mann an ihrer Seite. Kinderträume. Wer heiratet wohl zuerst, hatten sie damals gespielt. Mutter. Vater. Kind. Ich seh etwas, was Du nicht siehst. Sie sah nie etwas. Nichts blieb. Weil sie es selbst nicht halten konnte. Sie öffnet das Fenster und atmet tief ein. Das Licht der Stadt. Es flackert. Sie steigt hoch, auf das Fensterbrett, das nicht einmal durch Pflanzen verstellt ist. Sie holt Luft. Einmal, zweimal. Das Glas fällt ihr aus der Hand. Sie schliesst die Augen. Ein tiefer Atemzug. Die Nacht beginnt.

Mittwoch, 4. April 2012

Wegzehrung.

Sie öffnet die Augen. Der Zug hält. Menschen drängen sich auf dem Bahnsteig, jeder hat Angst, keinen Sitzplatz zu erhalten. Rucksackbepackt und wochenenderwartend strömen sie nun in die Waggons und lassen sich alleine, zu zweit, zu dritt in den endlosen Sitzreihen nieder, greifen nach Buch oder Zeitung oder Smartphone, falten die Hände in ihrem Schoß oder lassen einfach ihre Blicke schweifen. Ob diese Menschen beim Hinausschauen auch an das Küssen denken?

Küssen ist schon eine eigentümlich Sache. Man küsst so viel, so häufig in seinem Leben. Menschen, die einem nahe stehen, einfach mal so, weil man sie gern hat. Andere, weil sie Geburtstag haben, oder das Examen bestanden oder auch zum Trost. Man küsst Männer und Frauen, man küsst Kinder, ja, es soll sogar Menschen geben, die Hunde, Katzen oder Flughafenböden küssen. 

Ein tiefer Blick, der alleine schon ausreicht, um den kaffeebeladenen Magen zum Tanzen zu bringen, langsames Augenschließen und dann vorsichtiges Berühren der gegnerischen Lippen. Und dann, langsames Spiel, gemeinsames Ertasten und warmkaltes Schaudern auf der Haut. Und wer hat eigentlich jemals behauptet, in der Kürze liegt die Würze? 

Sie liebt es zu küssen. Selten sind sich zwei Menschen näher. Wenig ist näher, wenig ist intimer, vielleicht ist Küssen sogar der vertrauensvollere Teil der Sexualität, weil es das gesprochene Wort ersetzt.

Unzählige Male stellt sie den Becher wieder auf das kleine Tischchen vor sich, unzählige Male greift sie nach dem Roman, der vor ihr liegt. Die Geschichte über Selbstmord, über Liebe und Leben. Reiselektüre. Nach wenigen Seiten, nach wiederholtem Neulesen, beschließt sie, vielleicht zu überstürzt, dass dieses Buch ihr nicht gefällt. Wer will in solchen Augenblicken schon von toten Frauen nach Hochzeitsreisen lesen, wenn er an das Küssen denken kann.

Wer weiß. Vielleicht komme ich ja heute noch an, denkt sie.  Und lächelt. 

Freitag, 30. Dezember 2011

Für alle Töchter.

Geliebte  L.,


wunderbares, kleines Wesen. Ich liebe Dich so sehr dafür, dass Du bist, und dass Du bist, wie Du bist. Wir lachen, wir weinen, wir erleben, wir staunen. Jeder von uns inzwischen in seiner eigenen Welt, und doch immer miteinander. Ich stehe manchmal nachts immer noch an Deinem Bett und schaue Dir zu und mir laufen die Tränen vor Dankbarkeit. Dankbar, dass Du gesund bist. Und Deinen Weg gehst. Dass Du ein gutes, großes Herz hast. Dankbar für Deine Fröhlichkeit, für Deine Nachdenklichkeit, Deinen faszinierenden Charme, Deine Kindlichkeit im Erwachsenwerden. Ja, geh Deinen Weg, mein Engel. Ich konnte Dir nicht immer alles ersparen, wir haben auch in den letzten Monaten immer mal wieder geweint, wir mussten in diesem Jahr auch trauern.

Dann Deine erste Liebe, Du hast ihn mir vorgestellt, Du hast mir Eure Geschichte anvertraut. Deine USA-Reise, Du warst mal wieder auf einem anderen Kontinent, meine Globetrotterin. Dann Dein Entschluss, ins Ausland zu gehen im nächsten Jahr, ich habe jetzt schon ein wenig Bammel davor. Unser Nordseetrip und Deine lachende Freude beim Drachensteigen lassen. Deine ersten Partys und unsere Samstagabende, wenn wir kichernd vorm Spiegel stehen und uns gegenseitig Schminktipps geben. Dein Abschlussball. Du bist so schön, meine Kleine. Dein wunderbares Weihnachtsgeschenk für mich, das ich immer noch nicht fassen kann. Die kleinen Nachrichten zwischendurch, die immer mit HDGDL oder ILD enden und mich so sehr rühren.

Und die Morgende, an denen Du Dir immer noch den Wecker stellst, um früher aufzustehen, um Dich zu mir ins Bett zu kuscheln.

Du hast mich zu dem besten Menschen gemacht, der ich werden konnte. Danke!

Ich liebe Dich,

Mami

Mittwoch, 29. Juni 2011

Gewünscht. Heute grösstenteils harmlos.

Wir müssen leider draussen bleiben.

Der Tweet Eures Lebens?

Ich hatte mal wieder den Mund zu voll genommen und meiner Zeitallee versprochenfolgendes geschrieben: "Heute den 500. Follower und ich schreibe morgen den Tweet Eures Lebens." Kurze Zeit später war es tatsächlich so weit. Und es war gar nicht so einfach, das Versprechen wahr zu machen. Und auch wenn es viellecht nicht der Tweet "Eures Lebens" wurde, so hat er vielleicht ein wenig Unterhaltung mitgebracht.

Danke dafür, dass Ihr mich zum Kritzeln bringt ;-)


Dienstag, 21. Juni 2011

So entstehen meine Tweets ...

*Verliebt, verlobt, normal.* *

Es begann ganz harmlos. Wir saßen beim friedlichen Freitagmittaghähnchenpommes-Essen. „Mein Bruder wird mal Traumforscher“. Meine Tochter L. sieht ihre Freundin S. mit großen Augen an und sagt: „Toll. Und ich werd mal Künstlerin“. „Und ich eine normale Mutter“ kommt es von S. zurück. Mir bleibt der Bissen im Hals stecken. Ein normale Mutter. Eine normale Mutter? Eine ... was? Was bitte ist eine normale Mutter? Die Antwort kommt prompt. „Na, eine, die immer für Ihre Kinder da ist“. Die Ohrfeige sitzt.

Meine kleine L., leidgeprüftes Kind einer berufstätig unnormalen Mutter darauf ganz lässig: „Das geht nicht. Du musst auch einen richtigen Beruf haben. Um Geld zu verdienen.“ Hach, grinsend lehne ich mich zurück. Grundlagen der kapitalen Marktwirtschaft und Ausgangssituation für Barbiepuppen-, Kinoeintritte-, SpongeBob-Sammelkarten-Beschaffungsmaßnahmen erfolgreich gelehrt.

„Neee, muss ich nicht, ich hab dann ja einen Mann der Geld verdient“. Aua. Das sitzt. Gespannt schaue ich in das Gesicht meiner Tochter, die wohl merkt, dass gegen dieses Argument kaum anzukommen ist. Dann ein Lächeln. Und ein fragendes „Und wenn dein Mann mal krank ist?“. „Dann geh ich in der Zeit für ihn arbeiten“. Ich wollte an dieser Stelle keine Diskussion über Teilzeitstellen für ungelernte normale Mütter und die Gesamtarbeitsmarktsituation in Deutschland anfangen. Es sind ja noch ein paar Jahre Zeit.

Wer denkt, dass der Schlagabtausch an dieser Stelle zu Ende geht, der täuscht. Meine Tochter kommt in Fahrt: „Aber deine Mama und meine Mama haben ja gar keinen Mann. Stimmts Mama?“ Ich nicke nachdenklich. Warum die Rückversicherung? „Meine Mama hat wohl noch einen Mann, aber die wohnen nicht mehr zusammen. Und die Mama muss trotzdem nicht arbeiten. Die sind nämlich verheiratet.“ Ich zucke. So geht das also. (Hallo Vater meiner Tochter. Hätten wir doch heiraten sollen?).

L. schaut mich nachdenklich an. „Gell, Mama, man muss gar nicht heiraten. Man kann sich auch so lieben.“ Ich überlege, ob es an der Zeit ist, meine lila gefärbte Windel an meine Tochter weiterzureichen. Ich seufze in tiefer Reminiszenz an ein längst vergangenes Emanzipation-im-Aufbruch-Gefühl. Aber nur ganz kurz. Dann kommt der Nachschlag.

„So wie Du und der Papa. Ihr liebt euch, aber ihr seid nicht zusammen.“

Oh. Da habe ich wohl was verpasst. Ich stottere etwas von „Ähem, nein, also, der Papa und ich ... ja, wir mögen uns, aber wir ... äh ... lieben uns nicht mehr. Sonst wären wir ja ... äh ... immer noch zusammen. Aber ... na ja, wir sind ... äh ... Freunde!“.

Schallendes Gelächter.
Die ersten Pommeskrümel fliegen durch die Küche.
Zahnlücken erfüllen den Raum.

Ich fühle mich auf einmal sehr alt. Und unverstanden. Da sitze ich mit zwei Siebenjährigen am Küchentisch und werde ausgelacht. „Mama, ein Mann kann doch kein Freund sein.“ Das kommt mir doch irgendwie bekannt vor. Ich schweige jetzt lieber. Meine Tochter setzt noch mal nach: „Mama, wann hast du endlich wieder einen Mann?“.

Ich tranchiere statt einer Antwort lieber noch ein bisschen am Hähnchen rum. Vielleicht liegt da ja ein Zettel drin. Ein Glückshähnchenzettel. Auf dem steht dann: „Das Glück liegt darin, eine normale Mutter zu sein“.

(2004)


Sollte jemals irgendetwas aus Twitter überleben, dann bitte, bitte diese Antwort von Cinema_Noir. Ich lache seit einer halben Stunde ...

Danke.